„WE ARE ALIVE" – EIN PLÄDOYER FÜR DIE LEBENDIGKEIT

We are aliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiive“ ist das, was ich jahrelang gehört habe, immer dann, wenn der Kampfansager der UFC (weltgrößter Veranstalter für Mixed Martial Arts Kämpfe) vor einem Millionenpublikum in der Arena und den Livestreams dieser Welt seine Vorstellung des Kampfes begann. Dieser martialische Ausruf passte meinem Empfinden nach ganz wunderbar zu diesem harten, anspruchsvollen und aufregenden Sport. Ich war als Jungspund selbst der einen oder anderen Schulhofrangelei gegenüber nicht abgeneigt und eine lange Zeit über hielt ich dieses Kräftemessen einiger heißblütigerer junger Burschen untereinander für eine legitime Sache und:

We are aliiiiiiiiiiiiiiiiiive“ trifft es einfach auf den Punkt.

Diese Story hat nur zwei Haken: Erstens ich bin mittlerweile 33 Jahre alt und auch wenn ich wirklich glaube, dass ein bisschen auch handgreiflicher Tumult zwischen Heranwachsenden normal ist, so ist es schon so, dass es sich m.E. eben um eine Jugenderscheinung handelt, die ihre Ursache i.d.R. in irgendeiner Art Minderwertigkeitskomplex hat. Und zweitens – und dass ist beinahe wichtiger – sagt dieser Kerl im Anzug vor den Kämpfen nicht „We are alive“, sondern „We are live“ und meint damit nur die Echtzeit der kommerziellen Übertragung im Fernsehen und Internet. Nichts desto trotz, nachdem ich diese Tatsache eines Tages realisiert hatte – und es war ein derber Schlag – beschloss ich schließlich weiterhin lieber „We are aliiiiiiiiiiiiiiiive“ zu hören.

Schon Ernst Jünger`s Beschreibungen der Faszination des Kampfes interpretierte ich als Konfrontation mit einem Teil der eigenen Natur und einer unvergleichlichen Körperlichkeit. Am ehesten kommt dem wohl noch intensiver Sex nahe. Versteht mich nicht falsch. Ich bemühe mich sehr ein friedlicher Mensch zu sein, ich möchte mich gern eines Tages aufrichtig einen Pazifisten nennen können und bin sehr für einen absoluten Gewaltverzicht gegenüber jedem Menschen. Aber nicht, weil ich keine Gewalt in mir spüre, sondern weil ich die Notwendigkeit des gewaltfreien Miteinanders erkenne. Ich glaube sogar, eine gewisse Gewalt, als eine der quasi Urkräfte, in sich zu spüren, kann für bestimmte Menschen in bestimmten Situationen heilsam sein. Ich möchte nichts in mir verleugnen, ich möchte jeder Energie Gehör geben, Beachtung schenken. Keine Angst, ich oute mich jetzt nicht als Sadomasochist (wobei hier sehr deutlich wird, wie eng Gewalt und Sex beieinander liegen können), sondern möchte einfach einmal sagen, dass „Gewalt“ auch etwas „Gutes“ haben kann.

Nehmen wir z.B. eine Naturgewalt. Wer schon einmal einen richtigen Sturm (gerne natürlich in relativer Sicherheit) erlebt hat, der hat eine Idee davon, wie beschwingend Gewalt sich anfühlen kann. Die Kraft so eines ordentlichen Orkans überträgt sich in gewisser Weise auf den Betrachter, vielleicht fühlt er sich hier mehr eins mit sich und der Natur, als an seinem Büroschreibtisch. Wäre ja immerhin möglich.

Oder nehmen wir ein CrossFit workout. Es wird hierbei in der Regel derart anstrengend, dass die erlebte körperliche Intensität den sonst unaufhörlich fließenden Gedankenstrom einfach unterbricht. Zeit und Raum werden mitunter irgendwie irreal und alles konzentriert sich auf den Moment. Ich meine hey, andere Menschen meditieren stundenlang, um diesen Zustand zu erreichen. Und auch hier wirkt eine Form von Gewalt. So ein wod das ist nicht sanft. Da geht es hart zu Gange, da knallen auch mal die Gewichte und da brüllt sich der eine oder andere Teilnehmer die aufgestaute Energie aus dem Leibe. Das ist Gewalt pur. Und das tut so gut. Endlich mal die Sau raus lassen, endlich mal den Körper wahrnehmen, den Schmerz, den Schweiß, den Adrenalinstoß.

Ich habe früher einmal Musik gemacht. Wenn wir einen Song fertig hatten und ihn immer und immer wieder hörten, dann fühlte sich das ähnlich intensiv an, nur weniger körperlich. Damals schrieb ich einmal in einem Text folgende Zeile: „Ich lauf` im Regen durch die Stadt, nur um zu spüren, dass ich lebe.“ Ich mag diese Zeile immer noch. Sie drückt aus, was ich schon damals tief in mir empfunden habe: Die Lust zur Lebendigkeit.

I          AM          ALIVE!

Sport frei, Coach Nico

Schreibe einen Kommentar