Paleo hin oder her… Weshalb ich die Dinge mittlerweile nüchtern sehe.

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Heute mal ein etwas „atypischer“ Beitrag. Ich bin ja ein bekennender Dorfi, soll heißen, ich bin zwar unweit der Berliner Stadtgrenze, aber doch auf dem Dorf groß geworden. Der Großteil meiner Kindheitserinnerungen hat sein Setting im Berliner Stadtforst, welcher unmittelbar vor meiner Haustür lag. Ich war im Grunde ständig im Gehölz – Buden bauen, Indianer spielen, Pilze suchen, Fallen stellen (wir haben nie irgendwas gefangen, aber spannend war es trotzdem). Mir ist quasi der Dreck unter den Fingernägeln eingewachsen und noch immer fühle ich mich in der Natur am wohlsten. Ich bin sogar der Meinung, dass mein sportliches Potential seinen Ursprung in dieser Art Kindheit hat. Ich bin permanent auf Bäumen rumgeturnt, war am Rennen, springen und mich raufen.

Bude bauen

Bude bauen

 

Nach annähernd 17 Jahren in der Stadt (mit dem Wechsel auf’s Gymnasium verließ ich meine Idylle und fand mich in Köpenick wieder, später Friedrichshain, Pankow, Kreuzberg) habe ich meinen Wohnsitz vor 5 Jahren wieder in den Speckgürtel verlegt, fahre aber weiterhin täglich in die City zur Arbeit. Mir bekommt der Stadttrubel nicht und ich bin immer froh, wenn ich mal ein paar Stunden in meinem Garten entspannen kann. Es gibt Tage, an denen ich derart bedient bin, dass ich mir einbilde, dass das Stadtleben mich regelrecht krank macht. Ich sehne mich dann nach Natur, nach Einfachheit und Ursprünglichkeit. Ich spinne mir oft eine Welt zusammen, in der ich im ausgebauten Zirkuswagen hause, mir mein Essen über dem offenen Feuer zubereite und meine Tage damit zubringe, meine Tiere zu verpflegen und mich um den Gemüsegarten zu kümmern. Holz hacken, schlachten, Unterstände bauen usw. Ich träume von einem Leben nah an der Natur, ohne Luxus, ohne Lärm, ohne unnötigen Bullshit. Ja gut, in meiner Seifenblase habe ich mir natürlich auch eine kleine Hantelecke mit Klimmzugstange und allem was man so „braucht“ eingerichtet😉

 

Nun, zur Vorbereitung meines „Ausstiegs“ schaue ich schon seit geraumer Zeit regelmäßig Videoclips im Internet verschiedener sogenannter „Bush-Crafter“ und Survivalspezialisten an. Fasziniert und voller romantischer Sehnsucht bestaune ich, wie diese Typen, mit nichts weiter als einem Messer ausgestattet, Hütten zimmern, Feuerstellen einrichten und entspannt und scheinbar in sich ruhend im Wald leben. Mein „into the wild“ beschränkt sich derzeit im wesentlichen auf einmal täglich kalt duschen…

 

Einen Einstieg wollte ich mir verschaffen über die Buchung eines 24h Survival-Trips in den Oberharz. „Wilde“ Landschaften, reduziertes Leben und das alles zusammen mit meinem besten Freund. Gesagt, getan.

 

Nachdem wir die Anfahrt trotz Navigationsgerät ordentlich verbockt hatten und 1h zu spät den Treffpunkt erreichten, erwartete uns ein tatsächlich tiefenentspannter Guide und eine Gruppe aus sechs nicht mehr ganz so entspannten Mitstreitern. Es ging dann direkt ins Unterholz.. Ich hatte mich eingestellt auf eine mehrstündige Wanderung, jedoch sollten wir uns nach etwa 5min bereits für eine Lagerstätte entscheiden. Diese gilt es nach gewissen Aspekten auszuwählen und recht schnell entschieden wir uns für eine Stelle unweit eines Bächleins, einigermaßen vom Wind geschützt und mit größerem Geäst rund herum, welches sich wunderbar dazu eignete einen Unterschlupf für die Nacht zu errichten. Diese nächste Aufgabe war uns weitestgehend selbst überlassen. Wir konstruierten also munter drauf los und unser Guide ließ uns mehr oder weniger ins Messer laufen. Die Qualität einer Behausung aus Knüppeln und Tannenzweigen zeigt sich nämlich erst des nachtens… Vorläufig aber befanden wir unsere „Hütte“ als wunderschön und praktisch und als nächste Aktion stand die Beschaffung von Brennholz, Zündmaterialien (zum Feuer machen waren natürlich nur primitivste Methoden zugelassen) und etwas zum Beißen auf dem Plan. Ok, unser Guide hatte vier Hähnchen dabei – 3 aus der Tiefkühltruhe und eines lebend in der Hühnerbox. Wir sammelten also vornehmlich Kräuter von der Wiese, aber auch Spinneneier und lernten, wie man erkennt, ob ein Käfer essbar ist oder nicht. Zurück am Lagerplatz entzündeten wir unter größten Mühen unser Feuer. Wundersamer Weise ist es tatsächlich eine tiefe Befriedigung, wenn so ein Feuerchen dann erstmal brennt. Ich kann mir dieses Gefühl nur so erklären, als dass es etwas zutiefst ursprüngliches ist, mit den eigenen Händen (ohne Streichhölzer oder Feuerzeug!!) ein Feuer zu entfachen. Auch stellte sich schnell heraus, welch zentrale Bedeutung so ein Feuer für eine menschliche Gruppe hat. Wir hatten durchweg Temperaturen um den Gefrierpunkt, es regnete und schneite immer wieder und recht bald saßen wir alle um unser Feuer herum und bemühten uns die klammen Füße trocken und warm zu bekommen. In einem gegrabenen Loch entfachten wir ein Feuer und liessen ordentlich Glut entstehen, anschließend taten wir ein in Blätter gewickeltes und mit einer Wurzel verschnürtes Hühnchen in das Erdloch auf die Glut, schütteten Erde oben drauf und entfachten auf dieser Erde ein neues Feuer. So hatten wir einen Erdofen gebaut. Zwei weitere Hühner steckten wir auf einen Stock und brieten sie über dem offenen Feuer. Wir waren froh darum, dass unser Guide die TK-Hühnchen eingepackt hatte – die Stimmung schlägt schnell um, wenn die Teilnehmer nix zu futtern bekommen, so erzählte er uns von seinen Erfahrungen. Anschließend führten wir das lebende Huhn „ans Licht“. Nie zuvor hatte ich live erlebt, wie ein Tier dieser Größe geschlachtet wird. Da ich in meinem Leben allerdings sicherlich schon Hühner für zwei Leben gegessen habe, war mein fester Vorsatz bei dieser – am Ende geradezu andächtigen – Handlung voll dabei zu sein. Ich will das hier nicht näher beschreiben, aber ich nahm das Huhn anschließend aus und zog ihm das Federkleid ab und das war hart genug. Wir kochten uns aus dem Tier eine mit Fichtennadeln und Wiesenkräutern gewürzte Hühnersuppe, welche uns am nächsten Morgen von innen wärmen sollte. Wärme.. das ist ein spezielles Thema. Als wir uns schließlich eingermassen satt und völlig erschöpft in unsere Behausungen zurück zogen, da erhielt ich eine geradezu traumatisierende Lektion zum Thema Unterschlupf bauen und Wärmeisolation. Außerdem lernte ich, weshalb bei einem Schlafsack der Komfort-Wert bzgl. Kälteverträglichkeit entscheidend ist. Unsere Tannenhütte sah am Dach wunderschön aus, wir hatten uns da sehr viel Mühe gegeben. Leider hatten wir nicht bedacht, dass wir ja am Boden schlafen würden und deshalb sowohl die Isolation mittels Blättern und Tannenzweigen von unten, sowie einen Windschutz im unteren Teil der Unterkunft weggelassen. Ich mach es kurz: Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals so erbärmlich gefroren, wie in dieser Nacht. Ich schwöre, die Kälte war mir so tief in den Leib gekrochen, dass ich bis zur Mitte der auf das Wochenende folgenden Woche gebraucht habe, um wieder richtig warm zu werden. Es ist wirklich eine völlig unerwartete Erfahrung, wenn man realisiert, wie grauenhaft es ist, so richtig zu frieren und dem nicht entkommen zu können. Ich war nahe am Nervenzusammenbruch, als ich schließlich am Morgen um kurz nach Fünf meinen Schlafsack stocksteif verlassen hatte um ein Feuer zu entzünden, welches mich endlich wärmen sollte und es partout nicht hinbekam mit diesen scheiß Feuersteinen. Wir übten an diesem zweiten Tag noch das Fallenstellen, aber ich war kaum mehr in der Lage mich auf irgendwas zu konzentrieren, weil diese ekelhafte Kälte mich quasi innerlich lähmte und ich mich am liebsten mit dem Arsch mitten ins Feuer gesetzt hätte. Nun ja, irgendwann verabschiedeten sich alle voneinander und ich bat meinen Kumpel auf der Rückfahrt bei der erstbesten Gelegenheit beim nächsten Dorf-Cafe Halt zu machen, um direkt einen gemischten Kuchenteller zu verputzen. Im Cafe realisierte ich, dass wir beide stanken, wie wohl auch die Höhlenmenschen gestunken hatten – nach einer Mischung aus Rauch, Schweiß und Tierfett. Endlich zuhause duschte ich so ausgiebig wie schon sehr lange nicht mehr und es war mir die allergrößte Freude meinen Kühlschrank zu öffnen und mich nach Herzenslust zu bedienen…

 

Hühnchen aus dem Erdofen

Hühnchen aus dem Erdofen

Ich beim Huhn ausnehmen

Ich beim Huhn ausnehmen

Was habe ich nun mitgenommen aus diesem Erlebnis:

 

  1. Ich habe mir direkt einen Schlafsack gekauft, dessen Komfortzone bis minus 15 Grad reicht. Keine Ahnung, ob ich den in diesem Jahr noch mal benutzen werde, aber das Kältetrauma ließ mir einfach keine andere Wahl.
  2. Paleo ist schön und gut, aber nur solange ich mir das aussuchen kann. Wenn ich mir vorstelle, unter den Bedingungen des Survival-Wochenende einen mitteleuropäischen Winter überstehen zu müssen und über Monate hauptsächlich ungesalzenes Fleisch essen zu müssen, dann kommt`s mir hoch.
  3. Der Steinzeitmensch hatte nie und nimmer einen Körperfettwert von unter 10 Prozent. Und er hatte auch ganz bestimmt keinen muskelbepackten 83kg Body. Mir war nicht zuletzt deshalb schweinekalt, weil ich eben sehr mager bin und die Muskeln letztlich alle drei Stunden mit Nahrung versorgen zu müssen, um noch eins plus eins rechnen zu können und nicht an Unterzuckerung zu sterben, passt auch so überhaupt nicht zum Leben in der Wildnis.
  4. Ich bin definitiv schwer handysüchtig. Ich hatte mein Telefon mit Vorsatz daheim gelassen und war zeitweise derart auf turkey, dass es zeitweise an körperlichen Schmerz grenzte. Mein Gehirn schlug Kapriolen und suchte verzweifelt nach schnellem Input und Zerstreuung.. In meiner frühen Jugend hatte ich mal einen circa zweijährigen Ausflug in die Welt des Rauchens unternommen und damit wieder aufzuhören hatte ganz ähnliche Symptome nach sich gezogen.
  5. War ich zwischenzeitlich schon mal voller „Verachtung“ und Abscheu für unsere „moderne Welt“ (ich bin da machmal wirklich schon nihilistisch) und geradezu sehnsuchtsvoll gegenüber dem Leben, wie ich es mir vor 50.000 Jahren vorstelle, so sehe ich das nun doch etwas ernüchtert und relativ – mag sein, das die Jungs und Mädels damals mehr abkonnten, aber Kälte bleibt Kälte und an einem vereiterten Splitter zu krepieren macht auch keine Freude.

 

Ich weiß nun definitiv die Vorzüge des Lebens in Deutschland im 21. Jahrhundert zu schätzen und bin diesbzgl. ein wenig erwachsener geworden. Hin und wieder in den Wald gehen und auf`s Minimum dimmen, werde ich mir aber auch in Zukunft immer mal wieder verordnen. Geschadet hat es nicht.

 

Sport frei, Coach Nico

 

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