Einsichten eines Junkies – und warum mein iPhone bald auf Tauchstation gehen könnte.

Ich bin derzeit auf Urlaub. Meine Lieblingsinsel glänzt mal wieder mit Sonnenschein von früh bis spät, ich habe keine Termine und befinde mich in angenehmer Gesellschaft. Es sollte eigentlich alles ganz wunderbar sein. Sollte. Eigentlich. Ich bin immer wieder unruhig. Um ehrlich zu sein, bin ich so gut wie die gesamte Zeit über unruhig. Ob Du es glaubst oder nicht – ich stehe unter Leistungsdruck. Ich bin auf der Jagd nach dem perfekten Urlaub. Jede Minute soll genutzt sein, ein Highlight dem anderen folgen. Wenn nicht am Vorabend schon der Schlachtplan für den nächsten Tag steht, bekomme ich schlechte Laune.

„Einsichten eines Junkies – und warum mein iPhone bald auf Tauchstation gehen könnte.“

Woher kommt diese Hast? Ich organisiere meine Freizeit wie meinen Job. Ich bin mir nicht sicher, ob es für meine Kinder nicht entspannter ist regulär zur Schule zu gehen, als mit ihrem Vater im Urlaub zu sein.

Sobald ich einmal nicht beschäftigt bin (es reicht hierfür schon eine Toilettennutzung) zücke ich mein Telefon und checke alle Kanäle: Emails, Messanger, Whatsapp, Facebook. Natürlich werden mir eingegangene Nachrichten schon auf dem Home-Display angezeigt, aber ich prüfe trotzdem alles. Vorsichtshalber, könnte ja… ja was denn? Gar nichts könnte und mir wird absolut bewußt, dass es keinen rationalen Grund für mein Verhalten gibt. Die Wahrheit ist ganz einfach: Ich bin süchtig. Informationssüchtig, nachrichtensüchtig, süchtig danach mich zu zerstreuen, süchtig danach den Augenblick zu verlassen und meine Wahrnehmung zu fluten mit zu aller meist unnützem Scheiß.

Ich beobachte dies bei meinen Kindern. Kein Tag vergeht ohne die obligatorische Frage: Darf ich einen Film gucken? Dafür lassen die Kleinen alles stehen. Dafür sind sie bereit nahezu alles zu tun. Kein Erziehungstool wirkt so zuverlässig wie „wenn Du dies und das jetzt ordentlich tust, dann darfst Du einen Film anschauen“.

Der Mechanismus der hier wirkt, ist exakt der Gleiche wie der, der Millionen Glücksspielsüchtige am einarmigen Banditen hält. Es gibt einen Begriff dafür: meso-limbokortikal dopaminerges System. Eine bestimmte Handlung verursacht den Ausstoß von Dopamin, ein als „Glückhormon“ bekannter Neurotransmitter. Diesen Auslöser unter Kontrolle zu halten ist letztlich nur möglich mittels konsequenter Selbststeuerung. Meine Kinder sind hierzu eindeutig nicht in der Lage und die Industrie nutzt diesen Mechanismus gnadenlos aus. Ich selbst bin offenbar auch nicht in der Lage, mich unter Kontrolle zu halten. Es ist allerdings auch so, dass ich diesen permanenten Kampf gegen mich selbst satt habe. Ich verbringe geschätzt in Summe sicherlich 2h täglich vor meinen iPhone. Hinzu kommen iPad und MacBook. Das sind mindestens 3h jeden Tag die ich am echten Leben nicht teilnehme. Denn das echte Leben, die Wirklichkeit spielt sich unmittelbar um mich herum und genau JETZT ab. Ich habe Leute erlebt, die während einer Kajaktour im Naturschutzgebiet inmitten herrlichster Landschaften und in Begleitung einiger liebenswürdiger und interessanter Menschen hauptsächlich damit beschäftigt waren, Situationen zu inszenieren, welche sie dann fotografierten und anschließend in hübschen Collagen bei Facebook veröffentlichten. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Personen überhaupt am eigentlichen Geschehen teilgenommen haben, ob sie sich der Schönheit um sich herum bewußt waren. Mag sein ich bin ein Miesmacher und Pessimist, aber ich finde so etwas erschreckend.

Einige relevante Persönlichkeiten stellen derzeit Zukunftsprognosen auf, wonach die Anzahl der Facebook-Freunde und die eingesammelten likes in der Welt von morgen bedeutsamer sein werden, als das Bildungsniveau oder Verdienste im echten Leben. Der Wert eines Menschen könnte zukünftig danach bemessen werden, welche Größe und Qualität sein digitales Netzwerk aufweist. Ich selbst war im Grunde bekennender „Social Media Muffel“, zumindest wenn es darum ging eigene Inhalte zu veröffentlichen. Als passiver Beobachter war ich aber immer am Start. Neuerdings bemühe ich mich, keine substanzlosen Inhalte mehr zu veröffentlichen. Die sozialen Netzwerke haben nun für mich eine klare Funktion: Ich nutze sie um meine Meinung kund zu tun und Menschen auf mich aufmerksam zu machen, die sich für das, was ich tue und auszudrücken versuche interessieren und evtl. eines Tages eines meiner Angebote oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen gedenken. Oder auch mit mir zusammen etwas Konstruktives anstoßen, unternehmen, auf die Beine stellen wollen.

Aber zurück zum Thema. In meinem Urlaub nun reflektiere ich diese Zusammenhänge und mir wird bewußt, wie sehr mein Verhalten meinem Wohlbefinden im Wege steht. Ich trainiere natürlich auch hier vor Ort und wenn ich an der Hantel stehe, dann erlebe ich diese – seltenen – Momente absoluter Gegenwärtigkeit. Ich bin dankbar, dass ich diese Momente überhaupt noch habe und mich der Sport immer wieder zurück ins Leben holt. Es mag Menschen geben, die können mit der Digitalisierung umgehen, vielleicht regelt sich der Umgang mit dieser unser aller Leben durchdringenden Entwicklung für diese Leute ganz von selbst. Mich für meinen Teil juckt es immer häufiger hier auf der Insel mein iPhone im hohen Bogen den Tiefen des atlantischen Ozeans zu übergeben.

Sport frei, Coach Nico

Image: Flickr.

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