Ein Mann ist nur so stark wie sein Rücken

Der Titel klingt so einfach theatralisch, selbiges gilt aber natürlich auch für die Frauen. Nahezu alle komplexen Bewegungen in Sportarten, vor allem aber auch im CrossFit Training erfordern die Kraftübertragung der unteren auf die oberen Extremitäten oder umgekehrt. Diese Kraftübertragung erfolgt über den Teil des Körpers der dazwischen liegt – den Rumpf. Es gibt nun unterschiedliche Definitionen der Rumpfmuskulatur, für unseren Fall beschränke ich mich auf die Bauch- und Rückenmuskulatur. Die Funktionsweise dieser in komplexen Bewegungen ist eine konzertierte, d.h. ein feines Zusammenspiel ganzer Muskelketten. Ein isoliertes Training einzelner Muskeln macht deshalb i.d.R. auch wenig Sinn (es gibt hierbei allerdings Ausnahmen) und ist im Übrigen auch sehr schwierig zu realisieren. Der Körper funktioniert so einfach nicht.

„Ein Mann ist nur so stark wie sein Rücken“

In der jüngeren Vergangenheit war es üblich, sich auf einzelne Muskelfunktionen zu fokussieren, wenn es darum ging, Rückenleiden zu beheben oder präventiv zu behandeln. Allem voran war hier die Rede vom „Wundermuskel“ Transversus Abdominis, auch bezeichnet als „Korsettmuskel“. Dieser quere Bauchmuskel umschlingt den Rumpf wie ein Korsett und seine Kontraktion unterstützt den Bauchrauminnendruck und spannt die Fascia Thoracolumbalis, welche die autochthone Rückenmuskulatur bedeckt, wie eine Zeltplane und verleiht der Rückenmuskulatur somit zusätzlichen Halt. Unter Physiotherapeuten, Pilates und Kraft- und Konditionstrainern wurde jahrelang ein großartiges Spektakel um diesen Transversus Abdominis gemacht und alle fühlten sich wahnsinnig fortschrittlich, wenn sie mittels abenteuerlicher Übungsaufbauten mit Gymnastikbällen und Balancepads das „Power-House“ ihrer Klienten und Sportler während „komplexer“ Bewegungen aktivieren konnten. Dieser gesamte Tumult beruhte im Wesentlichen auf einer Studie von Hodges, welche im Kern aussagt, dass bei Patienten mit chronischen Rückenleiden die Aktivität des Transversus Abdominis deutlich reduziert war im Vergleich zu gesunden Menschen. In jüngeren und deutlich größer angelegten Studien konnte diese anhand einer nur relativ kleinen Stichprobe von Hodges erstellten Theorie widerlegt werden (z.B. Mannion AF, Pulkovski N, Gubler D et al. Muscle thickness changes during abdominal hollowing: an assessment of between-day measurement error in controls and patients with chronic low back pain. Eur Spine J 2008; 17: 494-501). Es ist nunmehr klar, dass mit isolierter Stabilisation eines Muskels keine Höhere Effektivität zu erreichen ist als mit allgemeinem Training.

Nach Gray Cook (dessen Selective Functional Movement Assessment Level 1 & 2 Ausbildung ich genießen durfte) haben funktionelle Dysbalancen (welche i.d.R. Verletzungen oder unspezifischen chronischen Schmerzen voraus gehen) ihre Ursache in drei möglichen Szenarien:

1. TED:

„Tissue Extensibility Dysfunction“ – hier ist an der Bewegung beteiligtes Gewebe nur eingeschränkt dehnfähig und verhindert somit eine funktional korrekte Bewegung.

2. JMD:

„Joint Mobility Dysfunction“ – hier liegt eine Blockade eines beteiligten Gelenks vor. Die Ursachen können unterschiedlich sein und bedürfen ggf. einer eingehenden fachmännischen Untersuchung.

3. SMCD:

„Selective Motor Control Dysfunction“ – bezeichnet die gestörte Bewegungskontrolle. Die Ursachen hierfür sind koordinativer und somit vor allem neuronaler Natur.

In unserer Arbeit als Kraft- und Konditionstrainer sind wir letztlich vor allem in der Lage letzteres Szenario effektiv zu „behandeln“. Da nach meiner persönlichen Erfahrung in zig tausend gegebenen Personal Training Stunden und Gruppentrainings in mindestens 80% der Fälle das SMCD die Ursache dysfunktionaler Bewegungsabläufe ist, bin ich mit meinem Handwerkszeug als Coach also bestens ausgerüstet den allermeisten Menschen zu helfen. Für nahezu alle unsere Mitglieder eignet sich das Üben und später Trainieren der von uns so bezeichneten „main-lifts“ (Squat, Deadlift, Press) hervorragend um stärker und gesünder zu werden. „Therapie“ durch Krafttraining funktioniert m.E. nach unter professioneller und erfahrener Anleitung ganz hervorragend. Für diejenigen deren „Schwierigkeiten“ komplexere Ursachen haben, arbeiten wir mit Therapeuten zusammen und lösen diese gemeinsam.

Zurück zum Rumpf bedeutet dies die Stabilisation desselbigen während komplexer Bewegungen (z.B. dem Anheben eines Gegenstandes vom Boden beim Deadlift) zu erlernen und im Nervensystem derart anzulegen, dass die hierfür erforderlichen neuronalen und muskulären Abläufe quasi von „selbst“ geschehen und auch unter hoher Last beibehalten werden. Wie genau ist dies nun zu erreichen? Es ist im Grunde simpel: We lift things up and put them down. Stetige Wiederholung der immer gleichen Bewegungsabläufe unter Berücksichtigung der Belastungsreihenfolge: Technik, Technik, dann Technik, nochmal Technik, dann Geschwindigkeit und schließlich Gewicht. So, und jetzt ran ans Eisen.  :muscle:

Sport frei, Coach Nico

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