Dysmorphophob und gibt es eventuell auch ein Leben neben dem Sport??

sdr

Ich bin erkältet. Seit zwei Wochen tut mir der Hals weh, habe ich einen hartnäckigen Reizhusten und anfangs lief mir ordentlich die Nase. Dieser Verlauf ist für mich ungewöhnlich. Normalerweise beschäftigt so eine Art Infekt mich nicht länger als 4, 5 Tage. Ich bin ja fast 34 Jahre alt und mittlerweile habe ich begriffen, dass ich mein Training besser pausiere, wenn ich solche Symptome habe. Nix mit leichtes Krafttraining oder so, das hat bei mir nie funktioniert. Wenn ich erkältet bin, dann bin ich erkältet und dann wird pausiert. Für gewöhnlich warte ich mit dem Wiederbeginn des Trainings so lange ab, bis ich annähernd symptomfrei bin. So hatte ich es auch diesmal vor.. Nachdem sich nach 10 Tagen noch immer nichts signifikant getan hatte, beschloss ich, dass das Nicht-trainieren auch nichts ändern würde und ging wieder an die Hantel. Nur halbe Fahrt, ich habe mich bemüht meinen Puls und meine Atemfrequenz niedrig zu halten. Der Infekt dümpelt nun so vor sich hin, vor allem die Halsschmerzen werde ich nicht los und sie werden im Gegenteil sogar an manchen Tagen wieder schlimmer.

Man hört ja immer mal wieder von Herzmuskelentzündung. Ich kenne sogar jemanden persönlich, der sich diesen Scheiß eingefangen hat. Wie? Er hatte einen Infekt (ich glaube, es war eine eitrige Angina) und konnte den Wiedereinstieg ins Training nicht abwarten. Nachdem er seine Erkältungssymptome wochenlang mit sich herum geschleppt hatte, kam die große Müdigkeit. Selbst leichteste Belastungen führten zu augenblicklicher immenser Erschöpfung. Er war überhaupt permanent müde, selbst wenn er dann mal ausreichend schlief (was höchst selten vorkam). Schließlich endete der Spaß auf der Intensivstation und er erzählte mir später, dass die Ärzte ihm während der Akutphase ernsthaft gesagt hatten, er solle das Wichsen sein lassen, weil das in seiner momentanen Verfassung zu anstrengend sei. Jeder, der sich hier einigermaßen auskennt 😳, kann so wohl eine Vorstellung davon bekommen, wie erschöpft man sein muss, wenn der Herzmuskel entzündet ist. Sehe ich hier Parallelen zu meiner eigenen Situation? Sehe ich andere Sportskollegen in meinem Umfeld, die sich ähnlich verhalten? Nö, ich doch nicht..

Warum trainiere ich also weiter? Kürzlich sagte mir jemand, ich wäre „dysmorphophob“. Ich lebe in ständiger Angst davor, meine Muskeln zu verlieren und es würde sich hierbei um eine Neurose handeln, eine psychische Störung also. Da ist vielleicht was dran, aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Sport ist nämlich vor allem mein Heilmittel. Als ich anfing ernsthaft mit Gewichten zu trainieren war ich 15/16 Jahre alt, voller Minderwertigkeitskomplexe und wog auf ca. 170cm etwa 63kg. Heute, 19 Jahre später, stolze 176cm und 20kg mehr habe ich immer noch einige meiner Komplexe. Diejenigen die ich los geworden bin, habe ich nicht durch den Sport loswerden können, sondern während einer Psychotherapie. Ich bekam 1990, als 7 jähriger, eine Muscle&Fitness in die Hände. Die Zeitschrift gab es als Beilage zum Powerman. Hierbei handelte es sich um ein sehr einfaches, auf dem Expander-Prinzip basierendes Heimtrainingsgerät. Dieses hatte sich mein Vater gekauft und annähernd niemals benutzt – aber ich. Ich kann mich gut an den Pump erinnern, den ich in meinen Schultern spürte, immer abends bevor ich ins Bett ging. Ich war eine ziemliche Zeit lang sehr eifrig und immer wieder bestaunte ich die überaus muskulösen Körper in der Muscle&Fitness. Gut möglich, dass ich damals meine Faszination für Muskeln erschaffen habe. Ich hatte ein schwieriges Verhältnis zu meinem Vater und es war mir spätestens seit Beginn meiner Pubertät enorm wichtig einen möglichst männlichen Eindruck zu machen. Nicht nur dies – ich wollte eine einschüchternde körperliche Erscheinung aufweisen. Meine Helden waren Van Damme, Stallone und natürlich Arnie. Ich trainierte wie ein Besessener. Jeden Tag ging es direkt nach der Schule ins Gym, pumpen und ein bisschen Thai Boxen. Ich führte akribisch Buch über meine Trainingseinheiten, schleppte meine Tupperware mit mir rum, befüllt mit Magerquark, Haferflocken und Backaromen, damit es einigermaßen schmeckte (das Zeug war wirklich eine Katastrophe, aber billig und simpel). Ich trank Unmengen an Eiweißshakes und im Solarium liegend visualisierte ich meinen Traumkörper.

Ich bin hierauf nicht stolz. Im Nachhinein würde ich sogar sagen, dass ich einige Jahre meiner Jugend vielleicht nicht gerade verschleudert, aber definitiv nicht „artgerecht“ gelebt habe. Eine Freundin hätte mir sicher gut getan, dafür hatte ich aber keinen Raum. Ich wollte natürlich mit meinem Körper die Mädels beeindrucken (und laut meines Abi-Jahrgangs-Buches war mir das auch gelungen, nur habe ich das niemals realisiert), auch die Jungs, ich wollte einfach jeden beeindrucken. Weil ich dachte, nur so etwas darzustellen, nur so JEMAND zu sein. Der allgemeine Schönheitswahn traf bei mir auf besonders guten Nährboden – ein wütender junger Bengel mit Männlichkeitskomplex, wahrlich beste Bedingungen. Und ich war nicht der einzige. Es gab eine lebhafte Szene an Typen wie mich. Einige von uns fingen bereits mit 16 Jahren an Steroide zu verwenden. Mindestens einer der damaligen Pumper-Connection lebt heute nicht mehr.

Diese ganze Sache ist heutzutage noch viel größer. Eine riesige Lifestyle-Bewegung und vor allem Gelddruckmaschine. Das Internet quillt über vor Fitnessangeboten, das Sixpack, der Knackarsch, dicke Arme, wohlgeformte Beine und das alles auf fotogeshopten Hochglanzbildern. Es wird vermutet, dass ca. 1-3% aller Freizeitsportler ein Suchtproblem haben. Mit dem Sport. Ich gehörte definitiv dazu. Und wie es mit jeder Sucht so ist, bekommt man die Sache irgendwann vielleicht in den Griff, aber ganz los wird man sie nie mehr. Mir wird das bewusst, wenn ich wie jetzt erkältet bin. Wenn ich die innere Stimme ignoriere, die mir sagt „Nico, leg Dich ins Bett. Sieh zu, dass Du wenigstens 3 Nächte hintereinander 8-9h Schlaf bekommst und verflucht noch mal lass das Training sein!“

Anzeichen von Sportsucht können sein:

  • – Depressive Verstimmungen bei der Aussicht nicht trainieren zu können
  • – Soziale Isolation bzw. Einschränkung auf nahezu ausschließlich Gleichgesinnte
  • – Verdrängung von Schmerzen und Unwohlsein zugunsten des Trainings

Es wird unterschieden zwischen primärer und sekundärer Sportsucht. Im Falle der sekundären Sportsucht geht das exzessive Sporttreiben einher mit permanenter Sorge um die Figur und einer mehr oder weniger schweren Essstörung. Ich bin mir sicher, bei mir kam zeitweise beides zusammen. Und ich kenne mindestens weitere 10 Personen, denen es genauso ging oder geht.

Es kommt der Moment im Leben, da sollte man der Wahrheit ins Auge schauen. Der Körper verzeiht einiges – solange er jung ist. Wenn allerdings ein gewisses Alter erreicht ist, dann wird all die Ignoranz der früheren Jahre spürbar. Und es wird einem bewusst, dass das Leben tatsächlich noch eine Weile gehen soll und die Schönheit der Jugend vergehen wird. Das ist eine unabänderliche Tatsache und man sollte eine Idee für die eigene Identität für „danach“ haben. Mag sein, dass man sich etwas Selbstwert daraus ziehen kann, wenn man in seinen 20ern, 30ern, vielleicht sogar noch in den 40ern bewundernd angeglotzt wird, aber irgendwann wird es dann lächerlich. Irgendwann wird es ganz einfach würdelos. Finde ich.

Was will ich also eigentlich in diesem Beitrag sagen? Einfach folgendes: Trainiere hart, trainiere echt, trainiere täglich, aber höre auf Deinen Körper und sei achtsam auch was Deinen Geist betrifft, denn Du bist soviel mehr als nur Deine Muskeln und Deine Bestwerte.

Sport frei,

Coach Nico

Ps: Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich über einen „Daumen hoch“ und wenn Du ihn mit Deinen Freunden teilst.

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