Carpe Diem – was für ein Blödsinn.

Wenn ich so auf meinen Tag zurück schaue, dann sollte mir wohl mulmig werden.. Nachdem ich ca. 5 ½ Stunden auf meiner 100€ Ausziehcouch im Büro die Nacht von Montag auf Dienstag verbracht hatte, leitete ich die 7 und 8Uhr Workouts in unserer CrossFit Box, anschließend gab ich zwei Stunden Personal Training, bevor ich ein nächstes Workout leitete, um dann mit einem weiteren Personal Training meine berufliche Anwesenheit in der Box für diesen Tag zu beschließen. Ich musste mich nun beeilen, um pünktlich meinen Zug zu erreichen, welcher mich nach Hause brachte (zwischendrin musste ich zweimal umsteigen und 10min mit dem Fahrrad fahren). Ich nutzte die Zeit im Zug zum Abarbeiten meiner Emails. Zuhause erwartete mich der nachmittägliche „Kinderdienst“. Wie an jedem Dienstag gaben meine Freundin und ich uns die Klinge in die Hand, denn am Nachmittag geht sie ihrer beruflichen Tätigkeit nach.

Es war zwischenzeitlich 16 Uhr geworden und ich beschäftigte mich mit meinen Kindern (3 und 7 Jahre alt, beide waren unausgeschlafen und entsprechend übellaunig). Ich hatte dann das Abendessen vorzubereiten und zu erledigen, schließlich meine Süßen bettfertig zu machen (kann an harten Tagen gerne mal 45min dauern, wenn die Herrschaften nicht allzu „kooperationsbereit“ sind) und in die Haia zu bringen. Nach dem Vorlesen (zwei unterschiedliche Geschichten, denn Junge und Mädchen unterschiedlichen Alters möchten natürlich nicht das Gleiche hören) und einigem Hin und Her (Papa, ich muss noch mal pullern.), sitze ich nun endlich seit ca. 20:30Uhr an meinem Schreibtisch und schreibe diesen Blog, welchen ich vereinbarungsgemäß noch heute Abend fertig stellen und an unseren Internet-Admin versenden muss.

Wenn ich mich nun frage, wo hier mein „Carpe Diem“ geblieben ist, dann muss ich wohl leider erkennen: Auf der Strecke. „Lebe jeden Tag als wäre es Dein Letzter“ – nun denn, ich versuche mir das mal vorzustellen..

Nach 9 Stunden ungestörten Schlafes erwache ich erfrischt und voller Tatendrang mit Sonnenstrahlen im Gesicht auf meinem Himmelbett mit Panoramascheibe davor und Blick auf den Atlantik. Neben mir liegt meine Herzallerliebste wunderschön wie eh und je und natürlich nackt. Sie liebt es – genau wie ich – gleich am Morgen intim zu werden und vorausschauend wie sie ist, hat sie sich beim Toilettenbesuch vor 30min bereits die Zähne geputzt, sanft wie ein Kätzchen und selbstredend ohne mich zu wecken. Anschließend verlasse ich über die angrenzende Terrasse mein Strandhaus und stürze mich in die kalten Fluten. Als ich zurück zur Terrasse kehre, sitzt dort mein Schatz vor dem gedeckten Frühstückstisch. Außerdem stürzen mir voller Zuneigung und überschwänglicher Freude meine lieben Kinder entgegen. Nach herzlichen Umarmungen und vielen Küssen genießen wir gemeinsam unser Frühstück, vorzugsweise frische Dinkelbrötchen, Rührei und natürlich Erdnussbutter mit hausgemachter Marmelade. Das Frühstück läuft ruhig und beschaulich ab, es kippt nichts um, es nörgelt niemand am Essen und alle verstehen sich ganz hervorragend. Gut gesättigt spielen wir ein wenig am Strand, bevor ich in meinem umweltneutralen SUV ins Gym fahre. Ich snatche und cleane jeweils PRs, toppe meinen „fight gone bad“ score um 50 Punkte, erquicke mich anschließend zuerst an einem eiskalten Vanille-Eiweiß-Shake und dann während einer Sportmassage Deluxe inkl. Happy End. Den Nachmittag verbringe ich abwechselnd mit den Kindern badend und lesend in meiner Hängematte. Zum Abend dann entzünde ich mein Lagerfeuer mit Schwenkgrill und brutzle mir saftige Steaks vom todgestreichelten Weiderind, während meine Frau einen frischen Salat zubereitet und die Kinder sich leise selbst beschäftigen und schließlich allein bettfertig machen. Nachdem ich meinen Kleinen etwas vorgelesen und sie in den Schlaf gekuschelt habe, erwartet mich meine sexy Freundin in einem netten Dessous nebst der ersten Staffel „Sopranos“ und einem brennenden J voller OG Kush. Ich schlummere sanft in ihren Armen ein und das Letzte was mir durch den Kopf geht, ist wie Dankbar ich für alles bin und wie sehr ich meine Familie liebe….

Ein schöner Traum, aber die Wirklichkeit zeigt sich eben meistens doch nicht so „bündig“. Diese Idee, die scheinbar in aller Munde ist, sogar das Mantra einer ganzen Industrie wie mir scheint – „Carpe Diem – lebe jeden Tag als wäre es Dein Letzter“ – zig Marken nutzen diesen oder ähnliche Slogans, weil es zeitgemäß klingt, weil heute alles im Superlativ laufen muss. Etliche Bücher, Blogs, ja sogar Filme handeln davon, es geht ständig darum, besonders nachgiebig mit sich selbst zu sein, sich alles zu erlauben, weil man selbst ja die wichtigste Person im eigenen Leben ist usw. In den einschlägigen sozialen Netzwerken gaukeln wir uns ständig gegenseitig vor, wie aufregend und großartig unser Leben sei, wir inszenieren uns und einige sind hierbei so erfolgreich, dass Hundertausende ihnen folgen, ihnen förmlich aus der Hand fressen und am Ende jeden Scheiß kaufen, der ihnen angepriesen wird, weil sie meinen, sich so ein Stückchen vom vermeintlichen Glück des anderen sichern zu können. Die Werbung ruft uns andauernd dazu auf unseren Impulsen nachzugeben, wir sollen uns mal was „gönnen“, könnte ja schließlich der letzte Tag sein. Ist es dann in den bei weiten allermeisten Fällen aber nicht.

Wie mir scheint greift diese Idee auf so ziemlich alle Bereiche des Lebens über. Liebespartner kann man wechseln wie die Socken via app, Gaumenfreuden erhalten an jeder Ecke und zu jeder Zeit und mit den allermeisten Dingen gehen wir kaum noch pfleglich um, weil direkt um die Ecke eh schon das „Nachfolge-Ding“ auf uns wartet oder Gebrauchsgegenstände so spottbillig sind, dass wir sie einfach funktionierend wegwerfen. Ich erlebe leider auch immer wieder geschäftlich unzuverlässiges Verhalten. Manchmal scheint mir, dass die Generation „Internet“ keinen Wert mehr auf „Ein Mann, ein Wort“ legt. Alles ist so schnell, so ständig wechselnd, da fällt es schwer sich festzulegen, Verbindlichkeit zu leben.

Und dabei verlangen die allermeisten wirklich bedeutenden Dinge im Leben genau dies: Verbindlichkeit. Durchhaltevermögen. Disziplin. Fokus.

Ich habe vor einiger Zeit mal ein Buch gelesen, das mich sehr beeindruckt hat: „Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens“ von Joachim Bauer. Es wird hier erklärt, dass die tatsächliche und echte Freiheit darin besteht, dass man in der Lage ist, die unmittelbaren Bedürfnisse zugunsten der gesteckten Ziele unbefriedigt zu ertragen. Der wirkliche freie Wille ist eben nicht, allen Impulsen nachgeben zu „können“ weil man nun gerade jetzt etwas „will“, sondern als zur Selbststeuerung fähiges menschliches Wesen zu überschauen, dass es eben oft die Disziplin braucht zu verzichten, um letztlich voran zu kommen. Mir scheint, solcherlei Worte sind reichlich unmodern und geradezu verpönt, wir möchten doch gerne alles schnell haben, machen, wechseln und möglichst auch nur das, was uns gefällt. Alles soll uns immer gefallen. Wir verschenken sonst unsere Lebenszeit. Aber ich sage folgendes:

Kein Spitzenpolitiker ist dies von heute auf morgen geworden.

Kein Topmanager kam in seine Position über Nacht.

Kein Unternehmer hat es zum Erfolg gebracht, während er die meiste Zeit auf Party`s war und mit dem Porsche Cabrio Ausfahrten unternommen hat.

Kein Schriftsteller hat ein Buch in 5min geschrieben.

Keine langjährige und glückliche Ehe hat nicht auch Herzblut gekostet und verlangt so manches Abendteuer vorbei ziehen zu lassen..

 

Und damit sind wir bei unserem Thema..

Kein erfolgreicher Sportler hat seine Erfolge erreicht ohne Verzicht, ohne Durststrecken, ohne Wehmut, ohne Disziplin. Alles hat seinen Preis. Du erfasst den Snatch nicht während einer Trainingseinheit und wenn Du ihn dann nach etlichen Einheiten meinst ein bisschen zu können, dann packe ich Dir 5kg zusätzlich auf die Hantel und Du stellst fest, dass Du noch mal neu lernen darfst. So sieht`s aus. Es ist ein langer Weg, eigentlich sogar ein nie endender Weg. Wenn Du aber beginnst diesen Weg zu beschreiten und es wirklich ernst meinst, dann garantiere ich Dir, wirst Du jede Menge Glück finden. Ein Glück, dass nicht flüchtig ist, dass nicht im nächsten Newsfeed verschwindet, sondern tief in Dir ist und Dir Kraft gibt für ein echtes, erfülltes Leben.

Sport frei, Coach Nico

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